Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Weit gereist: ASC-zertifizierte Garnelen aus Vietnam in einem deutschen Supermarkt © Anett Keller

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC Label, zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

 

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste’ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle’ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des „Pangasius Aquaculture Dialogue“ statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit-Unternehmen aus WWF und der niederländischen „Nachhaltigen Handelsinitiative“ (IDH).

Eine Fischfarm auf dem Mekong © Stefan Kühner

Seither ist viel passiert. Der WWF hat erreicht, dass sich Vietnams Regierung und Fischindustrie verpflichteten, die gesamte Produktion ab 2015 auf umweltverträgliche Methoden umzurüsten. Ohne dieses Label haben sie in den deutschen Supermärkten keine Chance. Beim Pangasius haben nach Angaben von Philipp Kanstinger, einem ASC-Experten beim WWF, ca. 17 Prozent der Zuchtbetriebe das ASC-Label. Weitere 15-20 Prozent haben andere Zertifikate. Kanstinger schildert die positiven Entwicklungen im August 2018 in einem Interview mit dem Autor. „Der Medikamentenverbrauch ist gesunken, wie wir durch regelmäßige Überprüfung der Dokumentationen der Züchter sowie Stichproben beim Import feststellen konnten.“ Das ASC- und andere Siegel haben den Marktzugang nach Deutschland und in andere Regionen der Welt geöffnet. Der Export von Pangasius und Shrimps wurde so zu einer der Lebensgrundlagen im Mekong-Delta und einem erheblichen Wirtschaftsfaktor für Vietnam.

Die deutsche „Supermarkt-Mafia“

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen der beliebte Pangasius und neuerdings Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‘Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so eine Studie von OXFAM vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten. In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von OXFAM publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Protzent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Sie wird vom WWF und der IDH gemeinsam betreiben und zeigt eine Liste der Unterstützer des ASC-Labels. Dort findet man rund 25 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real. Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen von Edeka prangt z. B. der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit seinen Kooperationspartner*innen betrugen im vergangenen Jahr rund 13,4 Mio. Euro (Vorjahr 12,2 Mio. Euro). Das sind rund 17 Prozent der Gesamteinnahmen. „Die strategische Partnerschaft mit dem genossenschaftlich geprägten Einkaufsverbund EDEKA spielt hier eine herausragende Rolle.“ heißt es im Jahresbericht 2016/17 des WWF.

Ein Pangasiuszüchter in Vietnam © Stefan Kühner

Dass und inwieweit der WWF an Einnahmen aus den Zertifizierungsverfahren für von ihm initiierte Umweltlabels beteiligt ist, ist nicht unmittelbar zu erkennen. „Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen ‚unabhängigen Zertifizierern‘ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, sie dauert ca. vier Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Fischer und Züchter am Mekong

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen.

Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. Derzeit sind die Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood-Exporteure und -Produzenten im Mai 2018 dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln. Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, ruft der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollen sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen. Immer mehr Betriebe und Genossenschaften tun dies auch. „30 Kooperativen in den Provinzen Soc Trang, Bac Lieu und Ca Mau haben die Zertifizierung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) beantragt“ meldet die vietnamesische Nachrichtenagentur VOV im Juni 2017.

Der Rat zur ASC Zertifizierung kann dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings gar nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch das Label ansteigen. Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt, unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass einerseits die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und andererseits die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.




Ein typisches indonesisches Reisgericht © Louie Buana

Indonesien: Reis ist in weiten Teilen des Inselreiches nicht nur Nahrung, sondern auch Kulturgut. Das war nicht immer so, wie alte Tempel-Reliefs beweisen. Der Siegeszug von Reis ist eng verknüpft mit dem Aufstieg Javas als regionalem Machtzentrum.

Für die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung, insbesondere für die Bewohner*innen der Inseln Java und Sulawesi, ist Reis Grundnahrungsmittel. Die Gewohnheit, dreimal am Tag Reis zu essen, ist ein entscheidender Teil des täglichen Lebens. Die Massenproduktion von Reis ist notwendig, um mehr als 158 Millionen Menschen auf Java und Sulawesi zu ernähren. Heute zählen die Provinzen auf Java und Südsulawesi zu den größten Reisquellen Indonesiens.

Historisch-religiöse Bezüge des Reiskonsums

Traditionell ist Reis für viele Menschen in Indonesien nicht nur wichtig, um das Grundbedürfnis nach Nahrung zu decken, sondern auch eine kulturell heilige Pflanze. Reis wird mit höchstem Respekt behandelt, weil er als göttliche Pflanze angesehen wird. Obwohl die meisten indonesischen Bevölkerungsgruppen heutzutage dem muslimischen Glauben angehören, wird eine der ältesten überlieferten Praktiken der Göttinnen-Verehrung aus der hinduistisch-buddhistischen Periode nach wie vor gepflegt: der Reiskult in Gestalt von Dewi Sri oder der Göttin Shri.

Indonesien Reis Göttin

Ein Teil des hinduistischen Penataran Tempel Komplexes auf Java © Louie Buana

Der Weg der Göttin Shri von Indien nach Indonesien

Der Ursprung der Göttin Shri lässt sich nach Indien zurückverfolgen. Auf dem Subkontinent ist die Göttin Shri Lakshmi die Gemahlin des Gottes Vishnu, der den Menschen Glück, Reichtum und Wohlstand bringt. Der Prozess der Hinduisierung um das 5. Jahrhundert brachte die Menschen auf dem indonesischen Archipel in Kontakt mit Shri Lakshmi. Im Laufe der Zeit wurde sie in den lokalen Glauben aufgenommen, wo ihre Bilder mit dem traditionellen Reisgeist verschmolzen. Nach und nach wurde sie mit Reis in Verbindung gebracht und vom Volk als Patronin der Landwirtschaft und Fruchtbarkeit anerkannt.

Eine Statue von Shri, die im Penataran-Tempel auf Ostjava gefunden wurde, zeigt sie mit einem ‚Reisohr‘, das die Unterscheidung zwischen Shri Lakshmi als indischer Göttin des Reichtums und Wohlstands und Dewi Sri, der indigenen Personifizierung von Reis und Fruchtbarkeit, markiert. Später wurde sie mit dem Geist der Ahnen in Verbindung gebracht. Die posthume Verehrung von Königin Gayatri Rajapatni von Majapahit ist ein Beispiel dafür, wie die verstorbene Königin sowohl als chtonische (d.h. der göttlichen Unterwelt angehörig; die Übersetzer) Mutterfigur als auch als Dewi Sri angebetet wurde.

Die wachsende Verehrung der Reisgöttin

Die wachsende Verehrung von Dewi Sri fiel zusammen mit der Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und dem Aufstieg der javanischen Staaten als herausragende Macht auf dem indonesischen Archipel. Basierend auf Basrelief-Darstellungen am Borobudur-Tempel (8.-9. Jahrhundert) war Sago – weiße Stärkekügelchen aus der Sagopalme – damals eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel auf Java. Mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Schwerpunkts auf Reis begann Sago an Popularität zu verlieren, da Reis von den Herrschenden als profitabler angesehen wurde. Mehrere alte javanische Quellen berichten, dass die indigenen Könige Zuschüsse an die Bevölkerung vergaben, um die Umwandlung von Wald in Feuchtreisfelder zu unterstützen.

Inschriften aus dem 9. Jahrhundert zeigen, wie Reis nicht nur als Nahrungsquelle für die Menschen, sondern auch als Marktware und landwirtschaftliches Steuersystem diente. Um das 10. Jahrhundert war Reis als eines der wichtigsten lokalen Agrarprodukte aus dem Hinterland Javas in den asiatischen Überseehandel gelangt. Die vom Staat und dem Überseehandel geförderte Massenproduktion von Reis trug dazu bei, Projekte der Nationsbildung, etwa den Bau von gewaltigen Tempeln wie Borobudur und Prambanan, zu unterstützen. Der Höhepunkt des Wohlstands ist während der Majapahit-Ära zu verorten, als der Strom der Reisproduktion durch das Flusssystem Ostjavas zu den Hafenstädten an der Nordküste geleitet wurde, wodurch Handelsnetze entstanden, die sich von Malakka bis zu den ‚Gewürzinseln’ (Molukken) ausdehnten.

Indonesien Reis Göttin

Javanische Manuskripte im Museum Sonobudoyo in Yogjakarta zeigen die Reisgöttin © Louie Buana

Die Verehrung von Dewi Sri auf Südsulwavesi

Die Verehrung von Dewi Sri verbreitete sich über Java hinaus bis nach Südsulawesi, wo sich die indische Religion als weniger einflussreich erwiesen hat. Das Volk der Bugis in Südsulawesi verehrt eine Gottheit namens Sangiang Serri. Sangiyan-Sarri wird im Buginesisch-Holländischen Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert als „Godheid van paddies V.d. ook wel de padie zelve“ definiert. La Galigo – eine Sammlung vorislamischer Geschichten über die Erschaffung der Welt und der erste Teil der Geschichte der Ahnen der Bugis in Sulawesi – stellt sie als Göttin dar, die bei der Niederkunft verstarb und in verschiedene Reissorten verwandelt wurde.

Besondere La-Galigo-Manuskripte mit den Titeln Galigona Meong Mpaloe Karellae und Rilekkeqna Sangiaserri sind ihrer Entstehungsgeschichte gewidmet. In der agrarisch geprägten Gesellschaft werden diese Manuskripte während der Erntezeremonie oder vor dem Betreten des Feldes zur Aussaat der ersten Saat (tudang noreng) gesungen. Die in diesen Manuskripten festgehaltenen Geschichten konservieren auch die Erinnerung an die veränderten Ernährungsgewohnheiten, die sich auf der Halbinsel Südsulawesi mit der Massenproduktion von Reis und dem Wiederaufleben des Handels vollzogen. Sangiang Serri soll eine Region namens Luwu verlassen haben und diese zur Strafe unfruchtbar gemacht haben, weil die Bewohner respektlos mit Tieren und Pflanzen umgegangen seien. Damit übereinstimmend ist die Bevölkerung von Nord-Luwu dafür bekannt, dass sie trotz der landesweiten Beliebtheit von Reis bis heute Sago als Hauptnahrungsmittel isst.

Reis als Währung

Neueren historischen und archäologischen Forschungen zufolge verbreitete sich der Reisanbau in Südsulawesi um das 13. Jahrhundert. Dieses Phänomen verlief parallel zur zunehmenden Verfügbarkeit von importierten Handelsgütern wie indischen Textilien, chinesischer Keramik oder anderen Arten von Waren aus Südostasien, die in Südsulawesi gefunden wurden. Vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger ähnlichen Situation wie im alten Java spielte Reis für die Menschen in Südsulawesi eine wichtige Rolle als Währung, um ihn mit diesen importierten Waren zu tauschen. Es wird angenommen, dass Sangiang Serri eine lokale Version von Dewi Sri ist, die durch Handelsbeziehungen entstanden ist, die mit der Zunahme des Reisanbaus in Südsulawesi zusammenfallen.

Reisefeld bei Yogjakarta © Louie Buana

Sogar nach der Islamisierung, die Anfang des 17. Jahrhunderts die gesamte Halbinsel massiv erfasste, bleibt die Verehrung von Sangiang Serri für die Menschen in Südsulawesi prominent. Im 17. Jahrhundert stellte ein Bericht während einer holländischen Militärexpedition in Südsulawesi fest, dass das Volk der Buginesen es in Kriegszeiten vermeidet, Reisfelder abzubrennen, da sie den Zorn von Sangiang Serri fürchten.

Die Geschichte von Reis als Grundnahrungsmittel für die Menschen auf Java und Südsulawesi erzählt uns von einer Reise, die Jahrhunderte dauert und an deren Verlauf viele Akteure beteiligt waren. Reis ist mehr als nur eine Nahrungsquelle für die lokale Bevölkerung. Die vom Reis abhängige indonesische Gesellschaft zeigt unerschütterliche Loyalität und bleibt weiterhin ihrer Göttin treu. Doch während der Reiskonsum in der heutigen Zeit unvermindert anhält, gibt es neue Herausforderungen im Zusammenhang mit Klimawandel, Landknappheit und Diabetes für die künftige landwirtschaftliche Entwicklung Indonesiens.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger




Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Bei Bumi Langit werden landwirtschaftliche Produktion und Umweltschutz zusammengeführt © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Indonesien: Mit nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion und der Verbesserung der Lage der Kleinbäuer*innen beschäftigen sich zunehmend auch islamische Initiativen. Ihre individuellen Projekte sowie politisch angelegte aktivistische Bewegungen werden hier vorgestellt und in ihre Reichweite geschildert.

In den letzten Jahren ist das Umweltbewusstsein unter islamischen Gelehrten und Organisationen in Indonesien deutlich gestiegen. Einige beginnen, eine islamische Umwelt- und Sozialethik zu artikulieren und versuchen aktiv, Probleme wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und die zunehmend prekäre Lage von Kleinbäuer*innen anzugehen. In ihren Bemühungen haben islamische Gelehrte eine ethische Grundlage entwickelt, die auf dem Koran und den Hadithen (sunnitischen Sammlungen von Überlieferungen über Mohammed und sein Leben) basiert, um eine sozial und ökologisch nachhaltige Praxis zu unterstützen.

Viele dieser Projekte werden lokal von Individuen oder Kleingruppen angestoßen oder haben sich, sofern sie aufs ‚Große Ganze‘ abzielen, noch nicht durchgesetzt. In diesem Artikel beleuchten wir einerseits individuelle Projekte und andererseits politisch angelegte aktivistische Bewegungen, die sich der nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion widmen.

Iskandar Waworuntu © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Permakultur nach islamischen Prinzipien: Das sozial-ökologische Projekt Bumi Langit

Im Jahr 2006 gründete Iskandar Waworuntu die Permakultur-Farm Bumi Langit [deutsch: Erde und Himmel] bei Yogyakarta, wo etwa zehn Menschen leben und arbeiten. Sie produzieren Lebensmittel im Rahmen von Permakultur, fördern so die Biodiversität in der Region, und bieten Kurse für nachhaltige Landwirtschaft an. Des Weiteren unterstützt und integriert Bumi Langit Dorfbewohner*innen der Umgebung, die auf der Farm arbeiten.

Dieses sozial-ökologische Projekt ist zwar klein, erlangte aber durch die intensive Zusammenarbeit mit einer Vielzahl bekannter zivilgesellschaftlicher Organisationen, Aktivist*innenen und Universitäten nationale und internationale Bekanntheit. Gemeinsam mit (oft selbst ausgebildeten) Bäuer*innen betreibt Bumi Langit einen biologischen Erzeuger*innenmarkt. Inzwischen finden in und um Yogyakarta an mehreren Tagen pro Woche solche Märkte statt, die auch das Bewusstsein für nachhaltige und gesunde Nahrungsmittel steigern sollen.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Permakultur-Farm Bumi Langit bei Yogyakarta © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Für Iskandar ist Bumi Langit sowohl ein Ausweg aus einem exzessiven, ignoranten und verschmutzten Leben als auch eine Gelegenheit, die islamische ethische Verpflichtung zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu praktizieren. Neben dem Training und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft und der Umsetzung weiterer islamischer Konzepte ist ein Leben nach dem Gesetz Allahs ein zentrales Ziel von Bumi Langit, was für Iskandar untrennbar mit dem Konzept der Nachhaltigkeit verbunden ist.

Wachsendes Umweltbewusstsein in Sufi-Organisationen

Der kosmologisch-religiöse Ansatz von Bumi Langit zeigt Ähnlichkeiten mit denen anderer islamischer Gelehrter, die sich durch Bezugnahme auf den Koran und die Hadithen für den Umweltschutz einsetzen. Sie argumentieren, dass der Mensch in seiner einzigartigen Stellung als Khalifah (Stellvertreterschaft Allahs) den übermäßigen Verbrauch von natürlichen Ressourcen missbilligen sollte, und betrachten den Kapitalismus als die Quelle von Umweltproblemen.

Vor allem für Gruppen, die sufistisch [eine spirituelle, asketische Strömung des Islam] orientiert sind, spielt Umweltschutz eine zunehmend zentrale Rolle. Auch Teile von Nahdlatul Ulama (NU), der größten islamischen Organisation in Indonesien, die überwiegend im ländlichen Raum agiert, beziehen in zunehmendem Maße Stellung zu umweltpolitischen Fragen, welche besonders die Landbevölkerung betreffen. So machte etwa die nationale Versammlung 2017 nicht nur Fragen des gerechten Zugangs zu Land zu einem Schwerpunkt ihrer Empfehlungen und Rechtsurteile, sondern auch die des Umweltschutzes.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Einer der lokalen Bio-Märkte, wo Bumi Langit sein Gemüse anbietet, ist der Milas-Markt in Yogyakarta © Anett Keller

Seit den 1980er Jahren gibt es zunehmend viele Kyai [Gelehrte, Leiter von Pesantren, religiösen Internaten], die einen ökologischen Fokus auf ihre Arbeit legen und Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft vorantreiben. So etwa Pesantren Mursidul Hadi nahe Yogyakarta, das in Zusammenarbeit mit der Bäuer*innen-Gewerkschaft SPI (der indonesischen Mitgliedsorganisation von La Via Campesina) Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft für junge Bäuer*innen anbietet.

Interessanterweise bildet eine beträchtliche Anzahl von Pesantren die Schüler*innen nicht nur in der Durchführung von Umweltpraktiken gemäß der islamischen Theologie aus, sondern auch in der Entwicklung unternehmerischer Fähigkeiten, um die Rentabilität der Einrichtung zu erhöhen. So können Pesantren eine vermittelnde Rolle gegenüber der jeweiligen lokalen kleinbäuerlichen Gesellschaft einnehmen.

Religiöse Autoritäten und die staatliche Entwicklungsagenda

In den 2010er Jahren richtete auch die Regierung in Zusammenarbeit mit NU Dutzende von so genannten ‚Öko-Pesantren’ ein, um der Umweltzerstörung entgegenzuwirken. Im Zuge der globalen Diskurse über die Bekämpfung des Klimawandels wollten Ministerien und Kommunalverwaltungen das Bewusstsein für Umweltprobleme stärken.

Dazu wandten sie sich an lokale Kyai und nutzten deren breite Netzwerke in Pesantren sowie ihre einflussreiche Position in der Gesellschaft, um Informationen zu verbreiten und Projekte umzusetzen. Da die Verbindungen zwischen NU und Regierungsinstitutionen stark sind, arbeiteten muslimische Gelehrte mit Regierungsvertreter*innen zusammen, um eine islamische Ökotheologie zu entwickeln und Programme wie Abfallwirtschaft und ökologische Landwirtschaft umzusetzen.

Immer wieder stehen Umweltprojekte in Pesantren aber auch indirekt der nationalen Entwicklungsagenda entgegen, etwa wenn sie erneuerbare Energien und Biotreibstoffe fördern. Da die Regierung unter Joko Widodo für die javanische Wirtschaft der Zukunft vor allem auf Tourismus und die Förderung fossiler Brennstoffe setzt, ist die Unterstützung kleinbäuerlicher Existenzen demgegenüber nicht in ihrem Sinne. Die landwirtschaftliche Produktion soll nach Regierungswillen in Zukunft auf andere Inseln ausgelagert werden (vgl. dazu auch den Artikel zum Megareisprojekt auf südostasien.net). In diesen Fällen erhalten Pesantren keine staatliche Förderung und es ist oft schwer für sie, ihre Existenz aufrecht zu erhalten.

Lokale Aktivistinnen in Banyuwangi erklären FNKSDA-Aktivist*innen die Auswirkungen der Tujuh Bukit Mine auf ihre Fischerei- und Ackerbauerträge © Sophia Hornbacher-Schönleber

Lokale Aktivist*innen immer berichten außerdem immer wieder empört davon, dass manche Kyai mit Geldgeschenken oder anderen Vergünstigungen von Unternehmer*innen ‚gekauft‘ würden, um in ihrer Funktion als lokale religiöse Autoritäten deren Projekten zuzustimmen und die Bevölkerung zu beeinflussen.

Im Fall der Tujuh Bukit Goldmine (Tumpang Pitu) in Banyuwangi im Osten Javas etwa, die trotz massiver Proteste der Lokalbevölkerung in einem Umweltschutzgebiet genehmigt und errichtet wurde, wurden Anwohner*innen zu einem interreligiösen Gebet eingeladen, das die Goldmine buchstäblich absegnen sollte.

Hierzu hatten die Betreiber*innen Kleriker*innen aller relevanten lokalen religiösen Gruppen bewegen können. Mitglieder der lokalen Protestbewegung waren empört und äußerten den Verdacht, möglicherweise habe Bestechung eine Rolle gespielt. Die Mine gefährdet massiv die Nahrungsmittelversorgung und Lebensgrundlage lokaler Bäuer*innen und Fischer*innen, da durch den Bergbau Schlammlawinen ausgelöst werden, welche Felder überfluten, sowie giftige Abwässer ins Meer geraten, die die Lebewesen dort töten.

Kapitalismuskritischer islamischer Aktivismus

Die NU-nahe Bewegung FNKSDA (NU Front für die Souveränität über natürliche Ressourcen) ist eine Initiative junger Sufi-Aktivist*innen, die sich auch im Fall Tujuh Bukit auf die Seite lokaler Aktivist*innen stellt. Anders als die zuvor beschriebenen Initiativen setzt die Bewegung auf einen explizit politischen Kurs, indem sie mit säkularen Agrar-Aktivist*innen kooperiert sowie daran arbeitet, auf nationaler und regionaler Ebene NU-Entscheidungsträger*innen dahingehend zu beeinflussen, Stellung zugunsten der Bäuer*innen zu beziehen (vgl. dazu auch Artikel Religionsschüler gegen Agrarkapitalismus in südostasien 2/2017).

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Viele der theologischen Begründungen von FNKSDA haben große Überschneidungen mit den bereits beschriebenen Gruppen, doch sind die politischen Forderungen weit reichender, da sie strukturell angelegt und expliziter antikapitalistisch formuliert sind. Es geht der Gruppe um soziale Gerechtigkeit, den Zugang zu und die Souveränität über natürliche Ressourcen, wozu wesentlich die Kontrolle über die Lebensmittelproduktion gehört. So setzen sich die jungen Aktivist*innen etwa gegen den Bau neuer Flughäfen in Yogyakarta und Cirebon und Kohlekraftwerke entlang der Nordküste Javas ein.

Am Beispiel Tujuh Bukit wiederum zeigt sich die Komplexität der Angelegenheit: unter den Investor*innen, die den Betreiber PT Merdeka Copper Gold fördern, sind nicht nur einige der größten Unternehmer Indonesiens (Edwin Soeryadjaya, Garibaldi Tohir) und einflussreiche Politiker*innen wie Sandiaga Uno, amtierender Vizegouverneur von Jakarta, vertreten. Auch eine so hochrangige NU-Figur wie Yenni Wahid saß bis 2015 im Aufsichtsrat von Merdeka Coppercold. Inzwischen trat sie – womöglich wegen des Protests gegen diese Beteiligung – zurück, während ihr Mann, Dhohir Farisi, weiter involviert ist.

Yenni ist nicht nur Politikerin, sondern auch in der Wahid-Stiftung involviert, die das geistige Erbe ihres Vaters, des humanistischen NU-Gelehrten und ehemaligen Präsidenten Indonesiens, Abdurrahman Wahid, fortführen soll. Die jungen Aktivist*innen stellen sich also mit ihrer Kritik nicht nur gegen politische, sondern auch gegen religiöse Autoritäten und unterstützen ein Modell dezentraler landwirtschaftlicher Produktion auf kleinbäuerlicher Basis. Weitere vergleichbare aktivistische Gruppen, auch in der modernistischen Organisation Muhammadiyah, gewinnen zunehmend an Einfluss.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

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Auf Java begrenzte Wirkung?

Die Förderung des ökologischen Bewusstseins durch islamische Massenorganisationen hat auf der Insel Java ihre größte Reichweite gefunden. Ein Hindernis für die flächendeckende Umsetzung von Umweltprojekten durch NU und Muhammadiyah ist die begrenzte Verbreitung von Wissen an deren Gruppen außerhalb Javas sowie die mangelnde Aufklärung der Religionsgelehrten auf dem Land über Klima- und Umweltveränderungen und ein wahrgenommenes Gefühl von Elitismus bei Kampagnen zum Klimawandel.

Die islamischen Umweltschutzprogramme haben in Gebieten wie Kalimantan und Sumatra nicht Fuß gefasst, obwohl diese Regionen unter dramatischen Auswirkungen der Umweltzerstörung leiden. Kalimantan ist das Zentrum der Kohleförderung und der ständig wachsenden Palmölplantagen.

Aufgrund dessen erleben viele Bewohner*innen derzeit drastische Veränderungen ihrer Lebensgrundlagen und kämpfen mit Konflikten um den Zugang zu Land, die Verteilung der Erträge aus den ausgebeuteten Ressourcen sowie mit einem erschwerten Zugang zu Nahrungsmitteln, die vielfach importiert und teuer bezahlt werden müssen. Da die Mehrheit der Bevölkerung Kalimantans muslimisch ist, gäbe es ein großes Potential für muslimische Gelehrte und Vertreter islamischer Institutionen, sich für den Erhalt der Umwelt und Nahrungsmittelsicherheit einzusetzen.

Diese Beispiele zeigen, dass Elemente des islamischen Kanons Anhaltspunkte für die Entwicklung einer Ökotheologie bieten, die Muslime zu aktivem Umweltschutz und nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion inspiriert. Islamische sozial-ökologische Kleinprojekte erhöhen die Biodiversität und stärken die Lebensgrundlage der Landbevölkerung. Dennoch ist der „grüne Islam“ immer noch ein zahnloser Tiger, wenn es darum geht, die staatliche Entwicklungsagenda generell in Frage zu stellen. Aktivistische Bewegungen wie FNKSDA versuchen, in diesem Bereich größeren politischen Einfluss zu erlangen.

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Indonesien Reis Ernährungssicherheit

Der so genannte Jokowi-Kanal wurde 2015 gegraben, nachdem großflächige Brände in den Torfmoorgebieten des gescheiterten „Mega-Reisprojektes“ der Suharto-Zeit gewütet hatten. Das Problem: Durch das Austrocknen der Böden, besonders durch Drainage (Kanäle) brennt das Gebiet noch schneller. © Andrea Höing

Das ist der zweite Teil des Artikels „Neuer Reis-Plan – alte Fehler?“ (hier geht’s zu Teil I).

Indonesien – Während die Regierung ein Mega-Reisprojekt plant warnen verschiedene Stimmen vor damit verbundenen Umwelt- und Landproblemen. Zudem bleibt die Frage ob Kleinbäuer*innen mit eingebunden oder wie bei früheren Großprojekten weiter marginalisiert werden.

Der Leiter der Agentur für Moorlandsanierung (BRG) Nazir Foead, sagt, die Regierung werde diesmal besonders vorsichtig sein und sicherstellen, dass es sich bei den zu bewirtschaftenden Torfarealen um Gebiete handelt, die in der Vergangenheit bereits gerodet wurden und derzeit verlassen sind, einschließlich ehemaliger MRP-Gebiete. Dies erfüllt einen doppelten Zweck: So dient es dem Anbau von Feldfrüchten als auch der Sicherstellung, dass das Land während der Trockenzeit nicht wieder in Brand gerät. „Wir roden also keine Torfwälder, sondern Büsche, die früher verbrannt wurden und flachen Torf haben“.

Doch laut dem Exekutivdirektor von Wetlands International Indonesia Nyoman Suryadiputra sei dies nicht so einfach. Er merkte an, dass es sich bei Land mit einer flachen Torfschicht um ehemals tiefen Torf handeln könnte, der sich infolge der Trockenlegung gesenkt hat. Das könne es anfällig für Überschwemmungen machen. „Deshalb kann die Studie nicht nur teilweise durchgeführt werden“, sagt er. „Sie muss mindestens ein Jahr lang mit Satellitenbildern durchgeführt werden, um die Bodenbedeckung zu sehen.

Basuki Sumawinata vom Institut für Landwirtschaft Bogor (IPB) stellt in Frage, ob genügend geeignetes, bereits gerodetes Moorland zu finden ist, ohne neue Landstriche zu roden. Er sagt, die meisten Torfgebiete in Zentral-Kalimantan befänden sich in ausgewiesenen Waldgebieten und seien daher für Plantagen nicht zugänglich. „Es gibt ein weiteres Problem mit Torfmoorgebieten in Kalimantan“, sagte er. „Wie sieht der Plan für die eine Millionen Hektar des ehemaligen MRP-Gebiets aus? Sie befinden sich in Waldgebieten.“

Torfmoorgebiete (erneut) in Gefahr

Israr Albar, Leiter des Planungsdirektorats für Land- und Waldbrandmanagement im Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft, sagt während einer Diskussion über die Telekonferenzplattform Zoom, dass der Gouverneur von Zentral-Kalimantan die Zentralregierung darüber informiert habe, dass einige ehemalige MRP-Gebiete für verschiedene landwirtschaftliche Kulturen, darunter Reis, Zuckerrohr, Knollen und Bananen, mit einer Fläche von 300.000 Hektar vorgesehen seien.

Sunarti, Leiterin der Landwirtschaftsbehörde der Provinz, bestätigt die Größe der Fläche. Sie sagt jedoch, es sei speziell für Reis vorgesehen, und zwar im Rahmen eines von der Regierung 2017 initiierten Programms, das mehr als 660.000 Hektar umfasst. Zudem stehe bei der Zuteilung des Landes noch die Genehmigung durch die Zentralregierung aus.

Indonesien Reis Ernährungssicherheit

Trockengelegter, gerodeter und verbrannter Torfwald im indonesischen Borneo © Rhett A. Butler/Mongabay

Diese aber scheint laut Nazir unwahrscheinlich zu sein. Da ein Großteil des vorgeschlagenen Landes in ausgewiesene Waldgebiete falle, müsse das Umweltministerium eine Waldumwandlungsgenehmigung ausstellen, damit dort Landwirtschaft betrieben werden dürfe. „Natürlich hält der Umweltminister das Umweltgesetz und die Torfschutzverordnung aufrecht“, sagt er. „Der Vorschlag kann also möglicherweise noch nicht realisiert werden, weil er den Umweltschutzvorschriften widerspricht“.

Dimas Hartono, Direktor der Sektion Zentral-Kalimantan des Indonesischen Umweltforums (Walhi), der größten grünen NGO des Landes, sagt, es sei sehr gefährlich, die Genehmigung zu erteilen. Das fragliche Land umfasse Torfkuppeln, die als Wasserquelle für das Ökosystem ein entscheidender Teil des Torfökosystems sind. „Das vorgeschlagene Gebiet ist ein Naturschutzgebiet zwischen den torfhaltigen hydrologischen Gebieten des Kapuas-Flusses und des Kahayan-Flusses“, sagt er. „Wenn diese Torfgebiete geöffnet werden, wird es das zweite MRP werden, und die Torfmoorgebiete in Zentral-Kalimantan werden wieder zerstört werden“.

Wiederbelebung des Mega-Reis-Projektes

Der endgültige Standort für die neuen Reis-Flächen steht noch nicht vollständig fest. Die Regierung beabsichtigt aber, den Bezirk Pulang Pisau einzubeziehen. Dies basiert auf der Vorhersage hoher Niederschläge von bis zu drei Monaten innerhalb der Trockenzeit. Landwirtschaftsminister Syahrul besuchte den Bezirk am 15. Mai und vermaß ehemalige MRP-Gebiete mit einem Hubschrauber.

„Diejenigen, die optimiert werden [und mit Reis bepflanzt werden sollen], sind die ehemaligen MRP-Flächen“, sagt Syamsuddin, Leiter der Forschungsagentur für Agrartechnologie in Zentral-Kalimantan. „Um die Wahrheit zu sagen, die frühere Eröffnung [von Reisfeldern in den MRP-Gebieten] wurde im Gegensatz zu heute nicht mit ausreichender Technologie und Innovation unterstützt.“

Nazir schlägt bereits seit 2018 vor, die aufgegebenen Torfgebiete des MRP zu nutzen; bis heute hat die BRG 60.000 Hektar aufgegebene Torfgebiete kartiert, die sie für die Landwirtschaft für geeignet hält, weil sie nicht in Waldgebiete fallen und ihre Torfschicht flach ist.

Indonesien Reis Ernährungssicherheit

Torfland in Indonesien, das trockengelegt wurde, um das Land für die Landwirtschaft vorzubereiten. Torfgebiete akkumulieren ihre reichen Kohlenstoffspeicher über Tausende von Jahren, beginnen aber zu zersetzen, sobald sie ihre Feuchtigkeit verlieren © Rhett A. Butler/Mongabay.

Suryadiputra sagt, wenn die Regierung darauf bestehe, die ehemaligen MRP-Flächen zu kultivieren, müsse sie noch viele Fragen beantworten. „Ist die Kartierung angemessen? Nehmen wir an, das anvisierte Land liegt in flachen Torfmoorgebieten, aber auch in Überschwemmungsgebieten? Ist es an das Kanalnetz des MRP angeschlossen, das sich auf mehr als 4.500 Kilometer erstreckt? Gibt es an diesen Standorten Schwefelsäure? Wie hoch sind die Senkungsgrade dieser Torfmoorgebiete? Wer sind die Menschen, die als Landwirt*innen eingesetzt werden sollen? Verfügen sie über landwirtschaftliche Erfahrung mit Torfmoorgebieten?“

Basuki vom IPB stellt auch die Bereitschaft der Regierung in Frage. „Wenn Sie sich bis Dezember auf eine Nahrungsmittelkrise vorbereiten, welchen Monat haben wir dann jetzt? Wenn Sie 200.000 Hektar erschließen wollen, wie viel Ausrüstung brauchen Sie dafür? Tausende von Baggern müssen vorbereitet werden. Ist das möglich? Auf keinen Fall.“, meint er. „Wenn Sie also morgen hungrig sein werden und erst jetzt mit der Rodung der Felder beginnen, dann ist es unmöglich. Warum tun Sie es nicht schon lange vorher?“

Kleine Bäuer*innen, große Chancen

Aktivist*innen sehen in dem Plan der Regierung auch eine grausame Ironie. Seit Jahren verdrängt die Regierung Kleinbäuer*innen von ihrem Land zugunsten der von Unternehmen betriebenen Mega-Plantagen, insbesondere für Ölpalmen und Infrastrukturprojekte. Das hat dazu geführt, dass jedes Jahr 128.000 Hektar kleinbäuerliches Ackerland verloren gingen und zwischen 2003 und 2013 5,1 Millionen bäuerliche Haushalte gezwungen waren, andere Arten des Lebensunterhalts zu finden.

Zu Beginn des Jahres 2020 gab es in Indonesien noch 7,46 Millionen Hektar Ackerland im Vergleich zu 16,4 Millionen Hektar Palmöl-Plantagen, die im letzten Jahrzehnt eine rasche Expansion erfahren haben (vgl. Artikel Wie Staat und Kapital die Palmöl-Expansion vorantreiben auf suedostasien.net).

„Die Größe der [Ernte-]Felder nimmt also immer weiter ab“, sagt Dewi Kartika, Generalsekretärin des Agrarreformkonsortiums (KPA). „Und wir wissen, dass es die Politik der Regierung ist, Infrastrukturentwicklungen, große Investitionen und den Premium-Tourismus voranzutreiben, der auf Dörfer abzielt, die über produktives Land verfügen, einschließlich der gewöhnlichen Dörfer.“

Indonesien Reis Ernährungssicherheit

Palmölplantage in Kalimantan. Die Politik der Regierung zielt auf industrielle landwirtschaftliche Produktion, zum Beispiel Mega-Plantagen für Palmöl, das weltweit gefragt ist. Nach der verheerenden Zerstörung von Wäldern und der Trockenlegung der Torfmoore für Plantagen laugen die dort angepflanzten Ölpalmen-Monokulturen die Torfböden noch zusätzlich aus. © Andrea Höing

Nahrungsmittelknappheit als Folge verfehlter Politik

Doch selbst wenn sie ihr Land verlieren, werden die Bäuer*innen von der Regierung aufgefordert, während der COVID-19-Pandemie weiter zu arbeiten, um sicherzustellen, dass Indonesien genügend Nahrungsmittel hat. Die derzeitige Nahrungsmittelknappheit ist nicht nur auf die Pandemie zurückzuführen, sagen Aktivist*innen, sondern auch auf die Politik der Regierung. Diese bevorzuge großflächige Monokultur-Plantagen, die von großen Unternehmen verwaltet werden, statt von Kleinbäuer*innen geführte Betriebe, die diversifizierte Kulturen anbauen.

„Diese Krise muss ein Weckruf für die Regierung sein, die keine Agrarreform durchgeführt hat“, sagt Dewi. „[Der Präsident] forderte die Bäuer*innen auf, während der Pandemie weiter zu ernten und hart zu arbeiten, aber es gibt viele Bäuer*innen, die in den vergangenen zwei Monaten von der Vertreibung von staatseigenem Firmenland, einschließlich der Plantagen-Unternehmen, bedroht und bei der Polizei angezeigt wurden. In Süd-Sumatra starb ein Bauer wegen eines Konflikts mit einem Plantagen-Unternehmen. Es besteht also ein Widerspruch. Bäuer*innen sind weiterhin nicht sicher“.

Dewi sagt, dass Bäuer*innen, die es geschafft haben, ihr Land zu behalten, in der Lage sind, der Nahrungsmittelknappheit zu widerstehen.“Sie können ihre Familien und ihre Nachbar*innen ernähren, sie können sogar einen Teil ihrer Ernte für die Menschen in den Städten beiseite legen“, sagt Dewi. Diejenigen, die ihr Land an Plantagen- und Bergbauunternehmen verkauft haben, laufen währenddessen Gefahr, nicht genug Nahrungsmittel zu haben.

Doch der Landbesitz in Indonesien konzentriert sich zunehmend in einer kleinen Zahl von Händen, wobei 1% der Indonesier 59% des Landes besitzen. Die Bäuer*innen haben im Durchschnitt weniger als einen halben Hektar. Um gegen diese Ungleichheit anzugehen, hat Präsident Widodo ein Landreformprogramm eingeleitet, in dessen Rahmen die Regierung Kleinbäuer*innen Titel für mehr als neun Millionen Hektar Land erteilen will.

Mangelhafte Umsetzung von Agrarreformen

Im Jahr 2018 legte die KPA der Regierung eine Karte der priorisierten Gebiete für die Landreform vor. Sie umfassen mehr als 654.000 Hektar und werden von etwa 445.000 Familien bewohnt. „Aber dies wurde von der Regierung nicht vollständig unterstützt und diese Dorfbewohner*innen sind anfällig dafür, von der Regierung und den Unternehmen kriminalisiert zu werden“, sagt Dewi.

Sie fordert die Regierung auf, ihr Versprechen einer Agrarreform durch die Umverteilung von Land einzulösen, die sowohl den Bäuer*innen als auch dem Staat helfen würde, indem für mehr Ernährungssicherheit gesorgt ist. Ohne das Agrarreformprogramm an den Plan zur Schaffung neuer Reisfelder zu binden, riskiere die Regierung, weitere Konflikte zu entfachen, indem sie Land von lokalen Bewohner*innen übernehme, das sie für unproduktiv halte, so Dewi.

„Wenn wir nicht beantworten können, wofür und für wen dieser Plan gedacht ist, werden neue Agrarkonflikte aufflammen“, sagt sie. „Leeres Land bedeutet nicht, dass sie keine Besitzer*innen haben. In Papua sind viele indigene Völker dem dortigen Food Estate-Programm zum Opfer gefallen. Es muss also sichergestellt werden, dass dieses Programm für Bäuer*innen und traditionelle Feldarbeiter*innen ist, damit diese zu den Hauptakteur*innen werden“.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Der englische Originalartikel erschien am 19. Mai 2020 bei MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.




Myanmar Hühner Antibiotika

Dieses Huhn legt Eier ohne den Einsatz von Antibiotika © Cornelia Heine/HEPG

Myanmar: Eine Gruppe Hühnerfarmer*innen in Myanmar setzt auf alternative Produktionsbedingungen und vermarktet Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Seit der politischen und wirtschaftlichen Öffnung des Landes vor einigen Jahren hat die industrielle Hühnerhaltung in Myanmar zugenommen: Um die stetig wachsende Metropole Yangon haben sich in sogenannten Agricultural Production Zones (landwirtschaftliche Produktionszonen) zahlreiche Hühermast- und Legehennenbetriebe angesiedelt, um dem steigenden Bedarf an Hühnerfleisch und Eiern gerecht zu werden.

Viele dieser Betriebe halten Hühner unter Bedingungen, die europäischer industrieller Hühnerhaltung gleichen: zusammengepfercht auf einer Fläche von wenigen Quadratzentimetern drängen sich die Tiere dicht an dicht in Drahtkäfigen, ohne Möglichkeiten für ausreichend Bewegung oder arttypisches Verhalten wie Scharren oder Picken.

Myanmar Hühner Antibiotika

Hühnerstall der Healthy Egg Production Group in der Nähe von Yangon © Cornelia Heine/HEPG

Unter solchen Bedingungen entstehen und verbreiten sich schnell Krankheiten, die rasch zu einer oft lang anhaltenden Verminderung der Legeleistung führen. Um dem vorzubeugen, aber auch um entstandene Krankheiten effektiv zu bekämpfen, werden in großem Maße Antibiotika eingesetzt.

Es bedarf keiner tierärztlichen Verschreibung, um an die potenten Medikamente heran zu kommen. Sie werden frei verkauft und ihr Verbrauch wird auch nicht dokumentiert. Antibiotika landen bei Anwendung am Tier auch in deren Produkten – im Fleisch, in der Milch oder in Eiern. Um Verbraucher*innen vor dem Verzehr von Antibiotika-Rückständen zu schützen, sind in Europa Regeln in Kraft, die vorschreiben, wie lange Eier nach Gebrauch von Medikamenten nicht verkauft werden dürfen – und stichprobenartig werden alle Betriebe regelmäßig geprüft. In Myanmar aber gibt es Vergleichbares nicht. Eier werden auch bei Antibiotika-Behandlung weiterhin verkauft.

Antibiotika-Resistenz wächst weltweit

Weltweit gibt es seit vielen Jahren einen rasanten Anstieg so genannter resistenter Bakterien. Diese haben Schutzmechanismen gegen die Wirkweise vieler Antibiotika ausgebildet und sind somit nicht mehr angreifbar. Infektionen bei Mensch und Tier können sich so ungehindert ausbreiten. Bislang einfach behandelbare Krankheiten können deshalb potenziell tödlich enden. Laut Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) ist Antibiotika-Resistenz heute eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit, Ernährungssicherheit und Entwicklung.

Wenn ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Resistenzen auftreten. Jeder Einsatz von Antibiotika fördert die Bildung von Resistenzen: Empfindliche Bakterien werden abgetötet – die Resistenten jedoch überleben und vermehren sich weiter. Antibiotika-resistente Erreger treten daher oft dort auf, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, etwa in Kliniken, aber auch in der Landwirtschaft. Daher muss der Einsatz von Antibiotika weltweit strenger reguliert werden. In Europa gibt es ein institutionelles Rückgrat, das dies bewerkstelligen kann – in Ländern wie Myanmar fehlen diese regulatorischen Kapazitäten aber noch.

Neue Ideen brauchen mutige Vorreiter*innen

Die Healthy Egg Production Group (HEPG), eine Gruppe von Kleinbäuer*innen, die sich schon länger für eine Verbreitung von alternativen Haltungsformen einsetzen, hat deshalb im Jahr 2018 einen neuen Weg eingeschlagen. Sie setzen auf Eierproduktion frei von Antibiotika – ein Trend, der in vielen Ländern langsam um sich greift. So verkauft die thailändische Firma Betrago beispielsweise seit einigen Jahren in großem Stil Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Die Gründung der HEPG wurde durch ein Projekt der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit unterstützt. Das galt vor allem für die Grundvoraussetzung des Projektes, nämlich der Etablierung eines glaubwürdigen Testsystems für Antibiotika-Rückstände im Ei.

Myanmar Hühner Antibiotika

Die Eier werden seit Beginn der Initiative erfolgreich verkauft © Cornelia Heine/HEPG

In Myanmar werden wie erwähnt, Eier nicht routinemäßig auf Rückstände überprüft. Die Initiative war und ist somit eine nationale Vorreiterin. Das Projekt übernahm während der Anlaufphase die Kosten für die monatlichen Tests, die nun aber selbst von den Landwirt*innen getragen werden. Diese machen einen Großteil des Eipreises aus. Die Tests werden in einem staatlichen veterinärmedizinischen Labor durchgeführt: So wird sichergestellt, dass die Tests professionell und unabhängig ausgeführt werden. Die Test-Kits selbst wurden aus dem Ausland importiert, denn in Myanmar selbst gibt es diese angewandte Art von Verfahren noch nicht.

Um eine gesicherte Abnahme der Eier zu gewährleisten, vernetzte die Initiative sich mit der führenden Supermarktkette in Myanmar: die CityMart Holding betreibt in Myanmars Hauptstadt Yangon eine Großzahl an Geschäften und ist nun auch landesweit auf Expansionskurs. Dabei sind Supermärkte, wie wir sie in Europa kennen, noch gar nicht allzu lange im Land. Die erste Filiale öffnete 1996 ihre Pforten.

Die Betreiber*innen von CityMart sagten den Ankauf einer festen Anzahl von Eiern über einen Zeitraum von sechs Monaten zu und gewährleisteten damit eine gewisse finanzielle Sicherheit. Das Risiko lastete so nicht auf den Schultern der teilnehmenden Landwirt*innen. Denn ob die Eier sich auch gut verkaufen lassen würden, wusste zunächst niemand.

Unabhängige Institution prüft Produktionsstandards

Das Gütesiegel der Myanmar Organic Agriculture Group (MOAG) © Cornelia Heine/HEPG

Um die Neutralität der Prüfung durch eine unabhängige Institution zu gewährleisten, wurde die führende burmesische Vereinigung zur Förderung ökologisch hergestellter Lebensmittel mit ins Boot geholt. Die Myanmar Organic Agriculture Group (MOAG) zertifiziert die teilnehmenden Farmen. Landwirt*innen, die Mitglieder der HEPG werden möchten, müssen sich zu bestimmten Produktionsstandards verpflichten und ihre Eier monatlich auf Rückstände testen lassen.

Die Standards wurden in Zusammenarbeit mit der FAO ausgearbeitet. Sie orientieren sich an internationalen Zertifizierungstandards wie den ASEAN Good Animal Husbandry Practices. Doch sie berücksichtigen auch die Realität und Machbarkeit im lokalen Kontext. So ist es beispielsweise den meisten Landwirt*innen aus finanziellen Gründen nicht möglich, ihr gesamtes Grundstück einzuzäunen, oder die Kosten für eine weitläufige Umstrukturierung ihrer Gebäudekomplexe, die zur Verminderung vom Auftreten von Krankheiten bei den Tieren führen würde, zu tragen.

Der Vorsitzende der Vereinigung, U Hnin Oo, brachte seine langjährige Erfahrung mit Zertifizierungsprozessen für ökologisch angebauten Reis und Tee mit. Zertifizierte Tierprodukte gibt es aber bislang im Land nicht. Jetzt gibt es ein eigenes Gütesiegel, das erste im Land für Eier: MOAG – Raised without Antibiotics.

Das Emblem der Healthy Egg Production Group (HEPG) © Cornelia Heine/HEPG

Grund hierfür sind zum einen mangelnde Nachfrage und fehlendes Bewusstsein für die Thematik der nachhaltigen Landwirtschaft. Zum anderen ist Myanmar eines der ärmste Länder Südostasiens und es ist ein Privileg der langsam aufkeimenden Mittelschicht, sich diese Produkte, die ja auch deutlich teurer sind, leisten zu können. Ein konventionell hergestelltes Ei kostet je nach Jahreszeit um die 80 bis 100 burmesische Kyat (MMK); die Eier der HPEG 290 pro Stück, was ungefähr 22 Eurocent entspricht.

Bei Verbraucher*innen wächst das Interesse

Doch immer mehr Menschen in Myanmar interessieren sich für die Herkunft und Produktion ihrer Lebensmittel. Seit einigen Jahren gibt es regelmäßig einen kleinen Bauernmarkt in Yangons Innenstadt, auf dem lokale Farmer*innen ihre Waren anbieten, die naturnah hergestellt werden. Und so hatte die HEPG bis zum heutigen Tag Erfolg. Ihre Eier verkaufen sich durchweg gut und die Gruppe plant, zu expandieren. Anfragen kommen vermehrt auch aus anderen Teilen des Landes. Durch einen Auftritt in einer bekannten burmesischen Radiosendung steigerte sich der Bekanntheitsgrad der Gruppe schlagartig.

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf die HEPG aus. Es kam erst kurz zu einem rasanten Anstieg der Verkaufszahlen, als die Regierung einen zweiwöchigen Lockdown ankündigte. Danach aber mieden Menschen den Besuch von Einkaufszentren und die damit verbundenen Menschenansammlungen. Die Verkaufszahlen waren rückläufig. Langsam aber geht es wieder aufwärts.

„Wir möchten zeigen, dass andere Tierhaltungsformen möglich und rentabel sind“, sagt Dr. Hla Hla Thein, Tierärztin und Unternehmerin in Myanmar. Anfänglich begegneten ihr Kolleg*innen mit großer Skepsis und Zweifeln, ob die Idee der HEPG Erfolg haben kann. Nun aber hat sie noch weitere Ideen und denkt daran, Antibiotika freie Milch- und Fleischprodukte auf den Markt zu bringen. Sie plant auch eine eigene Futtermittelproduktion, denn oft sind bislang in gekauftem Hühnerfutter auch Antibiotika beigemischt und werden nicht offen deklariert.

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