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Spiel mir das Lied der Freiheit – Musik als Instrument politischer Bewegungen
Ausschnitt des Posters der indonesischen Nationalen Koalition (KNTL RUUP) gegen den Musik-Gesetzesentwurf RUU Permusikan © KNTL RUUP (CC BY-NC-SA 3.0)
Seit jeher ist Musik – neben ihrem Unterhaltungswert – ein Mittel zur Kritik an sozialen Normen und politischen Verhältnissen. Musik hilft Menschen sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene, zu erkennen, dass sie mit ihrem Dissens gegen Ungerechtigkeiten nicht alleine sind. Das Besondere an Musik ist, dass sie ein Gefühl der Gemeinschaft erzeugen und Gruppierungen helfen kann, sich zu organisieren. Sie kann sowohl innerhalb einer Bewegung als auch nach ‚außen’, in die Öffentlichkeit, kommunizieren und parallel dazu die eigenen Werte und die eigene Identität (musikalisch) untermauern. Dabei wird sie in ganz unterschiedlichen Varianten und Kontexten genutzt. Musik äußert sich mal mit leisen und mal mit lauten Tönen, mal mit direkten Texten und mal mit welchen, wo das Wesentliche zwischen den Zeilen steht.
Auch in den sozialen Bewegungen Südostasiens wird Musik vielfältig für politischen Protest und Widerstand eingesetzt. Soziale und politische Kämpfe, Aufstände gegen Diktaturen sowie die Aktivitäten der Friedens- und Umweltbewegung sind in Südostasien eng mit Musik verflochten. Musiker*innen sind oft auch Aktivist*innen und machen genreübergreifend auf aktuelle Missstände aufmerksam. Dabei positionieren sie sich gegen Menschrechtrechtsverletzungen, Geschichtsrevisionismus oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten wie Armut und Diskriminierung, z.B. in Form von Sexismus. Musikalisch wird Kritik geübt an post-kolonialen Machtverhältnissen und an der Ausbeutung von Mensch und Natur. Musik kann dabei auch therapeutische Wirkung entfalten, wie etwa bei der Aufarbeitung und dem Umgang mit Geschichte und persönlich erlebten Gräueltaten.
Während in den 1970er und 1980er Jahren viele aktivistische Musikgruppen dem Folk oder Rock frönten, begegnen wir heute zunehmend weiteren Musikgenres wie Punk, Reggae oder Hip-Hop. In vielen Fällen haben sich Musikkulturen mit eigenen regional-spezifischen Charakteristika ausgebildet. Auch wenn damalige und heutige musikalische Stile oft meilenweit auseinander liegen, nutzen sie dabei teilweise noch die gleichen Erzähltechniken. Damals wie heute stehen südostasiatische Musiker*innen vor Herausforderungen, wie den Versuchen von staatlicher Seite, Musik zu vereinnahmen und den Schaffensprozess und die Meinungsfreiheit der Künstler*innen immer stärker zu reglementieren. Auch die zunehmende Industrialisierung von Musik bedroht die Unabhängigkeit von Musiker*innen und erschwert es, eigene Werke zu produzieren und zu verbreiten.
Dass Musiker*innen politisch Stellung beziehen, ist keineswegs selbstverständlich. Drohungen, staatliche Repressionen, Entführungen und Ermordungen von Aktivist*innen tragen zu einem Klima der Angst bei. So musste etwa die thailändische Gruppe Faiyen nach dem Militärputsch 2014 zunächst in Laos im Exil leben. Vor einigen Monaten erst konnten die Mitglieder von Fayen nach Frankreich ausreisen, um dort politisches Asyl zu beantragen. Voraus gegangen waren Todesdrohungen und das Verschwinden bzw. die Ermordung von thailändischen Aktivist*innen in Laos.
Diese Ausgabe der südostasien thematisiert musikalischen Protest als politische Kultur in verschiedenen Kontexten und aktivistischen Formen. Dabei vernetzen sich Aktivist*innen oft regional und transnational innerhalb ihrer (Underground)-Community und setzen sich durch die adressierten Akteure Repressionen und Gefahren aus.
Die südostasien zeigt anhand vieler Beispiele, dass Musik als Instrument politischer Bewegungen und Proteste in den südostasiatischen Gesellschaften eine wichtige Rolle spielt. Zu lesen ist das unter anderem in Protestmusik unter Duterte, Philippinen (Monika E. Schoop).
In Revolutionäres Karaoke in Kachin, Myanmar (David Brenner) sehen wir, wie die Kachin Rebellion die Beliebtheit von Karaoke nutzt, um die Identität als Widerständler*innen gegen den Staat auch unter der Zivilbevölkerung zu stärken. Monika Schlicher und Maria Tschanz lassen Musiker*innen aus Timor-Leste zum Einfluss von Protestliedern im Unabhängigkeitskampf und im Umgang mit gegenwärtigen Problemen des Landes zu Wort kommen.
Am Beispiel von Musik im Fadenkreuz von Staat und Industrie, Indonesien (Hikmawan Saefullah) wird deutlich, auf welche Weise von staatlicher und wirtschaftlicher Seite versucht wird, die Musik in Indonesien zu vereinnahmen und die Freiheit der Künstler*innen einzuengen. Auch Eléonore Sok und Monnyreak Ket beschreiben die staatliche Zensur der letzten Jahre – am Beispiel Kambodschas.
Gabriel Ernst zeigt am Beispiel von Thailand, wie Rapmusik und -kultur Teilen der Unterschicht eine Stimme verleiht und die systematische Unterdrückung, Armut und Ungleichheit, unter der sie leiden, offen legt. Auch für andere sozial marginalisierte Gruppen und Subkulturen stellt Musik ein probates Mittel dar, sich Gehör zu verschaffen, wie Mika Reckinnen in seinem Artikel über Pinoy Punks in den Philippinen zeigt.
Die vielfältigen Beiträge beleuchten die unterschiedlichen Facetten und Formen von Musik als Mittel politischer Bewegungen. Deutlich werden auch die neuen Möglichkeiten der Verbreitungen von musikalischen Botschaften, die ‚soziale Medien’ und Smartphones bieten.
All dies und mehr finden Sie/findet Ihr in dieser aktuellen Ausgabe der südostasien. Auch für die kommende Ausgabe zum Klimawandel freuen wir uns über Artikelvorschläge. Hier geht’s zum Call for Paper.
Wir danken an dieser Stelle allen Beteiligten an dieser Ausgabe sehr herzlich! Wir wünschen unseren Leser*innen eine spannende Lektüre und viel Freude beim Rein-Hören in die Vielfalt musikalischer (Protest)Kultur aus Südostasien!
Das Redaktionsteam
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Neueste BeiträgeEditorial südostasien 4/2019:
Spiel mir das Lied der Freiheit – Musik als Instrument politischer BewegungenDie USA, China, Russland, Australien, Indien, Japan und Europa nahmen beziehungsweise nehmen eine hegemoniale Machtstellung in Südostasien ein. Auch innerhalb Südostasiens und aus der Region heraus, kam und kommt es zu solchen Vormachtstellungen. Durch die derzeitige Covid-19-Pandemie (vgl. dazu südostasien Ausgabe 1/2021) verschärfen sich Abhängigkeitsverhältnisse zudem und es entstehen neue hegemoniale Grundlagen, auf denen Machtausübung ermöglicht wird.
Häufig sind diese Machtstrukturen nicht auf den ersten Blick durchschaubar. Welche Länder, Organisationen, Wirtschaftsunternehmen oder Gruppen ziehen dabei die Fäden? Wer steht dahinter und welche Auswirkungen bedeuten diese Strukturen für die Menschen in den Ländern Südostasiens? In der zweiten Ausgabe der südostasien im Jahr 2021 geben wir Einblicke in moderne hegemoniale Machtstrukturen in und um Südostasien. Wir fassen den Hegemonialbegriff dabei weiter und verstehen ihn als Überlegenheit, Führung oder Vormachtstellung unterschiedlicher Formen – von der Machtausübung gesamter Staatenverbunde bis hin zum hegemonialen Einfluss einzelner Kulturgüter.
Die Nutzung und Kontrolle von Lebensräumen und Rohstoffen bilden ein zentrales Ziel hegemonialer Machtverhältnisse. Motiviert durch ein hohes Interesse an zunehmend nachgefragten Rohstoffen, üben ausländische Organisationen in Südostasien Druck aus und sichern sich vor Ort Abbau- und Nutzungsrechte, wodurch Lebensräume zerstört und die dort lebenden Menschen vertrieben werden. Im Interview schildert Miles Kenney-Lazar, wie Laos durch ausländische Investitionen in den hegemonialen Fokus gerät und Menschen durch Land-Grabbing ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Michael Reckordt von PowerShift erklärt in diesem Zusammenhang, was die steigende Nachfrage nach Rohstoffen aus der EU, nicht zuletzt hervorgerufen durch die viel geförderte E-Mobilität, übergreifend für die Länder bedeutet. Siti Maimunah zeigt am Beispiel der Durian-Frucht, die in Südostasien weit verbreitet ist und in Teilen Indonesiens als traditioneller Teil der Kultur auch Landbesitz repräsentiert, wie Kulturgüter durch westlichen Einfluss, moderne Plantagen, Minen und Regenwaldabholzung verdrängt wurden und werden.
Aufgrund der geostrategischen Bedeutung einiger Inseln des Südchinesischen Meeres stehen dessen südostasiatische Anrainerstaaten untereinander und mit China sowie Japan in ständigem Konflikt. Im Jahr 2016 entschied der Ständige Schiedsgerichtshof in Den Haag, dass China rund um die Spratly-Inseln die souveränen Rechte der Philippinen verletzt habe und keine territorialen Besitzansprüche in der Gegend geltend machen könne. Allerdings besitzt das Gericht keinerlei Möglichkeit, diese Entscheidung auch durchzusetzen.
Damit in Zusammenhang stehend werden teilweise auch die militärischen Beziehungen der USA zu den Philippinen gesehen. Zwar sind US-Militärstützpunkte aus der Kolonialzeit in den Philippinen mittlerweile aufgelöst, dennoch bestehen bis heute enge militärische Beziehungen der beiden Staaten durch mehrere Abkommen und sind von Bedeutung für die gesamte Region, wie Roland Simbulan erläutert. Den aktuellen deutschen beziehungsweise europäischen Beitrag im Rahmen einer globalen Indo-Pazifik-Strategie beleuchtet Uwe Hoering.
Eines der greifbarsten Beispiele verschiedener machtpolitischer Interessen bildet zudem der Mekong. Er entspringt in Südchina und bildet für die Länder in Festlandsüdostasien eine wichtige Lebensgrundlage. Talsperren, die, unter anderem in Laos, zur Energiegewinnung errichtet werden, und Wasserverschmutzungen bedrohen das Leben der Menschen vor Ort, die kaum Einfluss auf entsprechende Entscheidungen nehmen können. Chanvoitey Horn erzählt im Interview näher von den hegemonialen Verhältnissen, die diese Lebensader Südostasiens betreffen.
Auch ökonomisch findet seit jeher hegemoniale Machtausübung statt. Abhängigkeitsverhältnisse sind insbesondere durch Staatsverschuldungen im globalen Westen entstanden. Aktuelle Details dazu stellt Jürgen Kaiser in einem Interview dar. Kaewkamol „Karen“ Pitakdumrongkit erläutert im Interview wirtschaftliche Zukunftsstrategien der ASEAN Staaten und wie dadurch eine ökonomische Unabhängigkeit erreicht werden kann. Insbesondere im Rahmen kolonialer Regime wurden Geschlechts- und Rollenvorstellungen in Südostasien hegemonial geformt und teilweise gesetzlich festgeschrieben. Tracy Valera berichtet vor diesem Hintergrund über Erfahrungen von Transgender-Menschen in Vietnam.
Mit dem Themenschwerpunkt hegemonialer Interessen, der durch zahlreiche hier noch nicht aufgeführte Beiträge vertieft und um weitere Aspekte ergänzt wird, versuchen wir die vielfältigen Machtstrukturen und Vormachtstellungen in sowie rund um Südostasien einzuordnen und auf deren Problematiken hinzuweisen.
Wir wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre und weisen zudem auf die kommende Ausgabe 3/2021 der südostasien zum Thema „Kolonialismus und Erinnerungskultur“ hin, für die potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen können. Hier geht’s zum Call for Papers.
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