Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Bei Bumi Langit werden landwirtschaftliche Produktion und Umweltschutz zusammengeführt © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Indonesien: Mit nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion und der Verbesserung der Lage der Kleinbäuer*innen beschäftigen sich zunehmend auch islamische Initiativen. Ihre individuellen Projekte sowie politisch angelegte aktivistische Bewegungen werden hier vorgestellt und in ihre Reichweite geschildert.

In den letzten Jahren ist das Umweltbewusstsein unter islamischen Gelehrten und Organisationen in Indonesien deutlich gestiegen. Einige beginnen, eine islamische Umwelt- und Sozialethik zu artikulieren und versuchen aktiv, Probleme wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und die zunehmend prekäre Lage von Kleinbäuer*innen anzugehen. In ihren Bemühungen haben islamische Gelehrte eine ethische Grundlage entwickelt, die auf dem Koran und den Hadithen (sunnitischen Sammlungen von Überlieferungen über Mohammed und sein Leben) basiert, um eine sozial und ökologisch nachhaltige Praxis zu unterstützen.

Viele dieser Projekte werden lokal von Individuen oder Kleingruppen angestoßen oder haben sich, sofern sie aufs ‚Große Ganze‘ abzielen, noch nicht durchgesetzt. In diesem Artikel beleuchten wir einerseits individuelle Projekte und andererseits politisch angelegte aktivistische Bewegungen, die sich der nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion widmen.

Iskandar Waworuntu © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Permakultur nach islamischen Prinzipien: Das sozial-ökologische Projekt Bumi Langit

Im Jahr 2006 gründete Iskandar Waworuntu die Permakultur-Farm Bumi Langit [deutsch: Erde und Himmel] bei Yogyakarta, wo etwa zehn Menschen leben und arbeiten. Sie produzieren Lebensmittel im Rahmen von Permakultur, fördern so die Biodiversität in der Region, und bieten Kurse für nachhaltige Landwirtschaft an. Des Weiteren unterstützt und integriert Bumi Langit Dorfbewohner*innen der Umgebung, die auf der Farm arbeiten.

Dieses sozial-ökologische Projekt ist zwar klein, erlangte aber durch die intensive Zusammenarbeit mit einer Vielzahl bekannter zivilgesellschaftlicher Organisationen, Aktivist*innenen und Universitäten nationale und internationale Bekanntheit. Gemeinsam mit (oft selbst ausgebildeten) Bäuer*innen betreibt Bumi Langit einen biologischen Erzeuger*innenmarkt. Inzwischen finden in und um Yogyakarta an mehreren Tagen pro Woche solche Märkte statt, die auch das Bewusstsein für nachhaltige und gesunde Nahrungsmittel steigern sollen.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Permakultur-Farm Bumi Langit bei Yogyakarta © Foto mit freundlicher Genehmigung von Bumi Langit

Für Iskandar ist Bumi Langit sowohl ein Ausweg aus einem exzessiven, ignoranten und verschmutzten Leben als auch eine Gelegenheit, die islamische ethische Verpflichtung zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu praktizieren. Neben dem Training und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft und der Umsetzung weiterer islamischer Konzepte ist ein Leben nach dem Gesetz Allahs ein zentrales Ziel von Bumi Langit, was für Iskandar untrennbar mit dem Konzept der Nachhaltigkeit verbunden ist.

Wachsendes Umweltbewusstsein in Sufi-Organisationen

Der kosmologisch-religiöse Ansatz von Bumi Langit zeigt Ähnlichkeiten mit denen anderer islamischer Gelehrter, die sich durch Bezugnahme auf den Koran und die Hadithen für den Umweltschutz einsetzen. Sie argumentieren, dass der Mensch in seiner einzigartigen Stellung als Khalifah (Stellvertreterschaft Allahs) den übermäßigen Verbrauch von natürlichen Ressourcen missbilligen sollte, und betrachten den Kapitalismus als die Quelle von Umweltproblemen.

Vor allem für Gruppen, die sufistisch [eine spirituelle, asketische Strömung des Islam] orientiert sind, spielt Umweltschutz eine zunehmend zentrale Rolle. Auch Teile von Nahdlatul Ulama (NU), der größten islamischen Organisation in Indonesien, die überwiegend im ländlichen Raum agiert, beziehen in zunehmendem Maße Stellung zu umweltpolitischen Fragen, welche besonders die Landbevölkerung betreffen. So machte etwa die nationale Versammlung 2017 nicht nur Fragen des gerechten Zugangs zu Land zu einem Schwerpunkt ihrer Empfehlungen und Rechtsurteile, sondern auch die des Umweltschutzes.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Einer der lokalen Bio-Märkte, wo Bumi Langit sein Gemüse anbietet, ist der Milas-Markt in Yogyakarta © Anett Keller

Seit den 1980er Jahren gibt es zunehmend viele Kyai [Gelehrte, Leiter von Pesantren, religiösen Internaten], die einen ökologischen Fokus auf ihre Arbeit legen und Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft vorantreiben. So etwa Pesantren Mursidul Hadi nahe Yogyakarta, das in Zusammenarbeit mit der Bäuer*innen-Gewerkschaft SPI (der indonesischen Mitgliedsorganisation von La Via Campesina) Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft für junge Bäuer*innen anbietet.

Interessanterweise bildet eine beträchtliche Anzahl von Pesantren die Schüler*innen nicht nur in der Durchführung von Umweltpraktiken gemäß der islamischen Theologie aus, sondern auch in der Entwicklung unternehmerischer Fähigkeiten, um die Rentabilität der Einrichtung zu erhöhen. So können Pesantren eine vermittelnde Rolle gegenüber der jeweiligen lokalen kleinbäuerlichen Gesellschaft einnehmen.

Religiöse Autoritäten und die staatliche Entwicklungsagenda

In den 2010er Jahren richtete auch die Regierung in Zusammenarbeit mit NU Dutzende von so genannten ‚Öko-Pesantren’ ein, um der Umweltzerstörung entgegenzuwirken. Im Zuge der globalen Diskurse über die Bekämpfung des Klimawandels wollten Ministerien und Kommunalverwaltungen das Bewusstsein für Umweltprobleme stärken.

Dazu wandten sie sich an lokale Kyai und nutzten deren breite Netzwerke in Pesantren sowie ihre einflussreiche Position in der Gesellschaft, um Informationen zu verbreiten und Projekte umzusetzen. Da die Verbindungen zwischen NU und Regierungsinstitutionen stark sind, arbeiteten muslimische Gelehrte mit Regierungsvertreter*innen zusammen, um eine islamische Ökotheologie zu entwickeln und Programme wie Abfallwirtschaft und ökologische Landwirtschaft umzusetzen.

Immer wieder stehen Umweltprojekte in Pesantren aber auch indirekt der nationalen Entwicklungsagenda entgegen, etwa wenn sie erneuerbare Energien und Biotreibstoffe fördern. Da die Regierung unter Joko Widodo für die javanische Wirtschaft der Zukunft vor allem auf Tourismus und die Förderung fossiler Brennstoffe setzt, ist die Unterstützung kleinbäuerlicher Existenzen demgegenüber nicht in ihrem Sinne. Die landwirtschaftliche Produktion soll nach Regierungswillen in Zukunft auf andere Inseln ausgelagert werden (vgl. dazu auch den Artikel zum Megareisprojekt auf südostasien.net). In diesen Fällen erhalten Pesantren keine staatliche Förderung und es ist oft schwer für sie, ihre Existenz aufrecht zu erhalten.

Lokale Aktivistinnen in Banyuwangi erklären FNKSDA-Aktivist*innen die Auswirkungen der Tujuh Bukit Mine auf ihre Fischerei- und Ackerbauerträge © Sophia Hornbacher-Schönleber

Lokale Aktivist*innen immer berichten außerdem immer wieder empört davon, dass manche Kyai mit Geldgeschenken oder anderen Vergünstigungen von Unternehmer*innen ‚gekauft‘ würden, um in ihrer Funktion als lokale religiöse Autoritäten deren Projekten zuzustimmen und die Bevölkerung zu beeinflussen.

Im Fall der Tujuh Bukit Goldmine (Tumpang Pitu) in Banyuwangi im Osten Javas etwa, die trotz massiver Proteste der Lokalbevölkerung in einem Umweltschutzgebiet genehmigt und errichtet wurde, wurden Anwohner*innen zu einem interreligiösen Gebet eingeladen, das die Goldmine buchstäblich absegnen sollte.

Hierzu hatten die Betreiber*innen Kleriker*innen aller relevanten lokalen religiösen Gruppen bewegen können. Mitglieder der lokalen Protestbewegung waren empört und äußerten den Verdacht, möglicherweise habe Bestechung eine Rolle gespielt. Die Mine gefährdet massiv die Nahrungsmittelversorgung und Lebensgrundlage lokaler Bäuer*innen und Fischer*innen, da durch den Bergbau Schlammlawinen ausgelöst werden, welche Felder überfluten, sowie giftige Abwässer ins Meer geraten, die die Lebewesen dort töten.

Kapitalismuskritischer islamischer Aktivismus

Die NU-nahe Bewegung FNKSDA (NU Front für die Souveränität über natürliche Ressourcen) ist eine Initiative junger Sufi-Aktivist*innen, die sich auch im Fall Tujuh Bukit auf die Seite lokaler Aktivist*innen stellt. Anders als die zuvor beschriebenen Initiativen setzt die Bewegung auf einen explizit politischen Kurs, indem sie mit säkularen Agrar-Aktivist*innen kooperiert sowie daran arbeitet, auf nationaler und regionaler Ebene NU-Entscheidungsträger*innen dahingehend zu beeinflussen, Stellung zugunsten der Bäuer*innen zu beziehen (vgl. dazu auch Artikel Religionsschüler gegen Agrarkapitalismus in südostasien 2/2017).

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Viele der theologischen Begründungen von FNKSDA haben große Überschneidungen mit den bereits beschriebenen Gruppen, doch sind die politischen Forderungen weit reichender, da sie strukturell angelegt und expliziter antikapitalistisch formuliert sind. Es geht der Gruppe um soziale Gerechtigkeit, den Zugang zu und die Souveränität über natürliche Ressourcen, wozu wesentlich die Kontrolle über die Lebensmittelproduktion gehört. So setzen sich die jungen Aktivist*innen etwa gegen den Bau neuer Flughäfen in Yogyakarta und Cirebon und Kohlekraftwerke entlang der Nordküste Javas ein.

Am Beispiel Tujuh Bukit wiederum zeigt sich die Komplexität der Angelegenheit: unter den Investor*innen, die den Betreiber PT Merdeka Copper Gold fördern, sind nicht nur einige der größten Unternehmer Indonesiens (Edwin Soeryadjaya, Garibaldi Tohir) und einflussreiche Politiker*innen wie Sandiaga Uno, amtierender Vizegouverneur von Jakarta, vertreten. Auch eine so hochrangige NU-Figur wie Yenni Wahid saß bis 2015 im Aufsichtsrat von Merdeka Coppercold. Inzwischen trat sie – womöglich wegen des Protests gegen diese Beteiligung – zurück, während ihr Mann, Dhohir Farisi, weiter involviert ist.

Yenni ist nicht nur Politikerin, sondern auch in der Wahid-Stiftung involviert, die das geistige Erbe ihres Vaters, des humanistischen NU-Gelehrten und ehemaligen Präsidenten Indonesiens, Abdurrahman Wahid, fortführen soll. Die jungen Aktivist*innen stellen sich also mit ihrer Kritik nicht nur gegen politische, sondern auch gegen religiöse Autoritäten und unterstützen ein Modell dezentraler landwirtschaftlicher Produktion auf kleinbäuerlicher Basis. Weitere vergleichbare aktivistische Gruppen, auch in der modernistischen Organisation Muhammadiyah, gewinnen zunehmend an Einfluss.

Indonesien Nachhaltigkeit Islam

Ein FNKSDA-Aktivist hält einen Vortrag über Kapitalismus in einer Dorfmoschee © Sophia Hornbacher-Schönleber

Auf Java begrenzte Wirkung?

Die Förderung des ökologischen Bewusstseins durch islamische Massenorganisationen hat auf der Insel Java ihre größte Reichweite gefunden. Ein Hindernis für die flächendeckende Umsetzung von Umweltprojekten durch NU und Muhammadiyah ist die begrenzte Verbreitung von Wissen an deren Gruppen außerhalb Javas sowie die mangelnde Aufklärung der Religionsgelehrten auf dem Land über Klima- und Umweltveränderungen und ein wahrgenommenes Gefühl von Elitismus bei Kampagnen zum Klimawandel.

Die islamischen Umweltschutzprogramme haben in Gebieten wie Kalimantan und Sumatra nicht Fuß gefasst, obwohl diese Regionen unter dramatischen Auswirkungen der Umweltzerstörung leiden. Kalimantan ist das Zentrum der Kohleförderung und der ständig wachsenden Palmölplantagen.

Aufgrund dessen erleben viele Bewohner*innen derzeit drastische Veränderungen ihrer Lebensgrundlagen und kämpfen mit Konflikten um den Zugang zu Land, die Verteilung der Erträge aus den ausgebeuteten Ressourcen sowie mit einem erschwerten Zugang zu Nahrungsmitteln, die vielfach importiert und teuer bezahlt werden müssen. Da die Mehrheit der Bevölkerung Kalimantans muslimisch ist, gäbe es ein großes Potential für muslimische Gelehrte und Vertreter islamischer Institutionen, sich für den Erhalt der Umwelt und Nahrungsmittelsicherheit einzusetzen.

Diese Beispiele zeigen, dass Elemente des islamischen Kanons Anhaltspunkte für die Entwicklung einer Ökotheologie bieten, die Muslime zu aktivem Umweltschutz und nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion inspiriert. Islamische sozial-ökologische Kleinprojekte erhöhen die Biodiversität und stärken die Lebensgrundlage der Landbevölkerung. Dennoch ist der „grüne Islam“ immer noch ein zahnloser Tiger, wenn es darum geht, die staatliche Entwicklungsagenda generell in Frage zu stellen. Aktivistische Bewegungen wie FNKSDA versuchen, in diesem Bereich größeren politischen Einfluss zu erlangen.

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Jamu Covid-19

Indonesien sucht den ‚Anti-Corona-Superstar’ – eine Anspielung auf die in Indonesien äußerst populäre Fernsehshow. Originaltitel: Rempah Anti Corona © Benny Rachmadi

Indonesien: Die traditionelle Kräutermedizin Jamu erlebt in Zeiten von Covid-19 eine Renaissance. Dies bietet Chancen für Gesundheitswesen und Wirtschaft. Doch es ändert nichts daran, dass die Pandemie die ohnehin schon Marginalisierten am härtesten trifft.

Januar 2021: Während Europa mit der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie kämpft, befindet sich Indonesien nun erstmals seit Beginn der Pandemie im März 2020 in einer Phase, in der die gemeldeten Fallzahlen deutlich sinken. Das Land erlebte zuvor seit März 2020 stetig steigende Infektionsraten mit mehr als 10.000 bestätigten Fällen pro Tag. Die Testkapazitäten wurden in diesem Zusammenhang immer weiter ausgeweitet, so dass im Dezember täglich 245.000 Personen getestet werden konnten. Dies führte jedoch gleichzeitig dazu, dass die gemeldeten Infektionszahlen mit Zunahme der Testungen stiegen. Die Infektionssituation im Land blieb weiterhin unübersichtlich.

Wie in vielen anderen Ländern auch, wurde indonesischen Politiker*innen vorgeworfen, den Ernst der Lage nicht früh genug erkannt zu haben. Noch im März 2020 sagte der damalige Gesundheitsminister Terawan Agus Putranto, er sei von der Aufregung um die Ausbreitung von Covid-19 überrascht, da aus seiner Sicht „die Grippe gefährlicher ist als das Coronavirus“. Inzwischen haben einige Politiker*innen zugegeben, die Öffentlichkeit falsch informiert zu haben. Tim Lindsey und Tim Mann, Wissenschaftler der australischen University of Melbourne, brachten auf den Punkt, was viele Beobachter*innen bereits befürchtet hatten: dass die Regierung die Gesundheitsbedrohung zu lange geleugnet hat und ein klar strukturierter Ansatz zum Umgang mit ihr immer noch fehlt.

Krise des Gesundheitswesens

Seit langem wächst die Kritik an Indonesiens öffentlichem Gesundheitswesen. Unter anderem werden die Nähe zwischen Pharmaindustrie und Ärzt*innen und die damit verbundenen „ungesunden Praktiken“ von Unternehmensbereicherung mit staatlicher Rückendeckung kritisiert. Auch der bestehende strukturelle und personelle Mangel im öffentlichen Gesundheitswesen wird durch die Covid-19-Pandemie eklatant verschärft. Die neuesten Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass Indonesiens Verhältnis von Ärzt*innen bei 3,8 pro 10.000 Menschen liegt. Damit liegt Indonesien deutlich unter den Zahlen für Malaysia (15 Ärzt*innen pro 10.000 Einwohner) sowie Thailand und Vietnam (acht Ärzt*innen pro 10.000 Einwohner).

Außerdem häufen sich Fragen zu Pharmamonopolen und Kartellpraktiken im medizinischen Sektor sowie Fälle von Behandlungsfehlern und Betrug zu Lasten der Patient*innen. Hinter dieser Stimmung verbirgt sich ein latentes Misstrauen nicht nur gegenüber der Pharmaindustrie, dem Berufsstand der Ärzt*innen und den strukturellen Bedingungen von Krankenhäusern, sondern auch gegenüber den nationalen Eliten im Allgemeinen und den Bediensteten der Gesundheitsbehörden im Besonderen.

Jamu Covid-19

Hausgemachte Anti-Corona Jamu-Kräutermedizin, verkauft auf dem Beringharjo-Markt in Yogyakarta © Erny Mardhani, 2020

Die jüngste Geschichte liefert einige gute Gründe, warum medizinische Fachkräfte, Patient*innen und Beobachter*innen des indonesischen Gesundheitssystems derzeit skeptisch sind: Bereits während der Krise der H5N1-Pandemie 2006, auch als Vogelgrippe bekannt, beanspruchte Indonesien eine „virale Souveränität“ und weigerte sich, mit der WHO zusammenzuarbeiten. Auch in der Covid-19-Pandemie gehen Politiker in Indonesien auf Sonderwegen. Aus verschiedenen Richtungen wurden die Notfallstrategien der indonesischen Regierung und das nationale Gesundheitssystem grundlegend kritisiert.

Vor diesem Hintergrund wollen wir die grundlegend pluralistische Struktur des indonesischen Gesundheitssystems beleuchten. Denn der Kontext des medizinischen Pluralismus in Indonesien ist entscheidend für ein Verständnis der Entwicklungen.

Sind Jamu Heilkräuter ausreichend?

Während der Anfangsphase der Pandemie behaupteten einige indonesische Entscheidungsträger*innen öffentlich, dass Covid-19-Infektionen ohne weitere Behandlung ausheilen könnten, solange der Körper einer Person über ausreichend Abwehrkräfte verfügt. Auf dieser Grundlage ermunterten sie die Bevölkerung, mit Hilfe von traditionellen Mischungen aus Jamu-Heilkräutern ihre körpereigene Immunabwehr zu stärken.

Um die Rolle von Jamu während der derzeitigen Pandemie einzuordnen, ist es notwendig zu wissen, dass die Nutzung von Kräutermedizin seit Jahrtausenden ein fester Bestandteil des Gesundheitshandelns in Indonesien ist (vgl. dazu den Artikel Jamu – mehr als ’nur‘ traditionelle Medizin auf suedostasien.net). Die traditionelle Kräutermedizin Jamu ist heutzutage ein wichtiger Wirtschaftszweig, in dem große internationale Unternehmen wie Air Mancur, Djamu Djago oder Nyonya Meneer eine Vielzahl von Jamu-Arzneimitteln herstellen, die als Pulver, Tabletten oder Kapseln verkauft werden. Straßenhändler*innen konkurrieren mit großen Drogerien um den Verkauf von Jamu. Die indonesische Regierung wirbt für Jamu als Heilmittel gegen Covid-19 und unterstützt so eine wichtige „wirtschaftliche Säule für die Nation“, die 2019 21,5 Billionen Indonesische Rupiah (1,38 Milliarden US-Dollar) einbrachte; ein Plus von 13,1 Prozent gegenüber 19 Billionen Indonesische Rupiah (1,35 Milliarden US-Dollar) im Jahr 2018.

Bereits Mitte März 2020 berichtete die in Singapur ansässige Zeitung The Straits Times, dass der indonesische Präsident Joko Widodo (Jokowi) seit der Ausbreitung des Virus dreimal täglich eine Mischung aus rotem Ingwer, Zitronengras und Kurkuma trinke und diese mit seiner Familie und Kolleg*innen teilen würde. Er sei überzeugt, „dass ein Kräuterkonzentrat vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen kann“. Diese Aussage führte in Folge zu einem massiven Anstieg der Verkaufszahlen und damit verbunden einem rasanten Preisanstieg der Marktpreise für roten Ingwer, Zitronengras und Kurkuma.

Ebenso wie Jokowi haben auch andere Politiker*innen und Personen des öffentlichen Lebens auf den Nutzen der traditionellen Medizin in der Covid-19 Krise hingewiesen, wie beispielsweise das Bezirksgesundheitsamt von Situbondo in Ostjava oder der Regent von West-Aceh, Ramli Mansur.

Medizinischer Pluralismus in Indonesien

Die WHO hat eine Liste von Empfehlungen für den Umgang mit der aktuellen Pandemie herausgegeben, die unter anderem das Händewaschen, die allgemeine Einhaltung von Hygienerichtlinien sowie das Abstand wahren empfiehlt. Hierzu stehen die Empfehlungen indonesischer Politiker*innen, sich insbesondere durch die Nutzung pflanzlicher Heilkräuter zu stärken, in klarem Kontrast. Ebenso wie auch die generelle Einschätzung, dass Covid-19 lediglich ein harmloses Virus wäre.

Ende März 2020 bildete sich eine Koalition aus zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Amnesty International Indonesien, Transparency International Indonesien, das Jakarta Legal Aid Institute und anderen. Sie forderten das Repräsentantenhaus auf, während der Covid-19-Pandemie seine Kontrollfunktion wahrzunehmen, um sicherzustellen, dass die Politik der Regierung auf dem richtigen Weg sei.

Der Druck zeigte Wirkung. Akhmad Saikhu, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für pflanzliche und traditionelle Medizin des Ministeriums, betonte, dass pflanzliche Heilmittel und Jamu in der Lage seien, die Symptome von Infektionskrankheiten zu lindern, jedoch seien sie nicht grundlegend in der Lage, Infektionen abzuwenden.

Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, dass Gesundheitshandeln kein eindimensionaler Prozess ist, sondern komplexe äußere Einflüsse, Dynamiken und medizinische Traditionen darin eine Rolle spielen. Die Herausforderungen der Covid-19-Pandemie können somit aus verschiedenen medizinischen Perspektiven betrachtet werden, die sich nicht notwendigerweise gegenseitig ausschließen. Während die WHO grundlegend aus einem biomedizinischen Verständnis die Beurteilung der aktuellen Pandemie vornimmt, handelten einige indonesische Politiker*innen ebenso wie viele Bürger*innen aus einem traditionell javanischen Medizinverständnis heraus. Anstatt die Aufrufe von Jokowi und anderen indonesischen Funktionsträgern sowie das damit verknüpfte humorale Körperverständnis, das auf den Körpersäften und den damit verbundenen vier Elementen beruht, rundweg abzulehnen, könnte ein Blick in den medizinischen Pluralismus Indonesiens und die damit verbundenen informellen Kooperationen im Gesundheitssystem sehr lehrreich sein.

Jamu Covid-19

Eine Jamu Gendong Verkäuferin (gendong = tragen) trägt auf ihrem Caping Gunung (traditioneller Hut) das selbst gemalte Label eines großen industriellen Jamu- Unternehmens © Erny Mardhani

Traditionelle Medizin und die Pandemie

Indonesien besteht aus einer ethnisch vielfältigen Gesellschaft, die sich auch in einem pluralistischen Medizinsystem widerspiegelt. Große Teile der Gesellschaft vertrauen auf die Verwendung traditioneller Medizin oder auf eine Kombination aus traditionellen und biomedizinischen Behandlungen. Erst kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass insbesondere urbane Haushalte mit hohem Bildungsniveau dazu neigen auf traditionelle anstatt auf biomedizinische Gesundheitsdienste zurückzugreifen. Dementsprechend präsentiert sich in den städtischen Räumen Indonesiens eine beeindruckende Vielfalt an medizinischen Traditionen, so dass ein breiter informeller Markt eine große Bandbreite an medizinischen Produkten und Dienstleistungen darbietet.

Bereits im März 2020, direkt mit Einsetzen der Covid-19 Krise, entwickelte sich demzufolge ein neuer Markt mit ‚Corona-Jamu-Produkten’. Um das körpereigene Immunsystem zu stärken wurden Kräutermischungen aus Kurkuma, Ingwer und weiteren Wurzeln/Kräutern empfohlen. Auch Kräutermischungen wie Wedang Uwuh – eine Kräuterspezialität in der Region Yogyakarta – wurden speziell beworben, da diese traditionell zur Vorbeugung von Erkältungen, zur Erwärmung des Körpers und zur Stärkung des Immunsystems Verwendung findet. In dieser traditionellen Mischung werden Secang (Sappanholz) , Zimt, Ingwer, Nelken, Muskatnussblätter, Zitronengraswurzeln und Kardamom verwendet. Auf Grundlage der Corona-Pandemie konnten einige der Jamu-Hersteller einen Umsatzanstieg von bis zu 50 Prozent verzeichnen. Die Jakarta Post prognostizierte vor diesem Hintergrund, dass die Gewohnheit, Jamu zu trinken, zur neuen Normalität gehören wird, und bezeichnete Jamu als „den neuen Espresso“.

Der wachsende Markt für Jamu

Einen wissenschaftlichen Beweis zur Wirksamkeit von verschiedenen Jamu-Produkten gegen Covid-19-Infektionen ist noch lange nicht zu erwarten. Einige Wissenschaftler*innen argumentieren jedoch, dass die etabliertere Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) das körpereigene Immunsystem in einer Weise stärkt, die virale Pathogenitätsfaktoren reduziert. So sind verschiedene TCM-Heilkräutermischungen zur Vorbeugung und Symptombehandlung bei schweren Verläufen von Covid-19 in China offiziell anerkannt und empfohlen. Die Pflanzenbestandteile der in Indonesien propagierten Corona-Jamu-Mischungen sind entsprechende Variationen dieser TCM-Mischungen.

Während die öffentlichen Debatten um die Nutzung kräutermedizinischer Produkte im Zusammenhang mit Covid-19 weitergehen ist eine Tatsache allerdings jetzt schon klar: Die aktuelle Krise von Covid-19 bietet eine große Chance für die Jamu-Industrie. Der Leiter der Indonesian National Agency of Drug and Food Control (Badan Pengawas Obat dan Makanan, BPOM) erklärte dementsprechend, dass von Januar bis Juli 2020 neue Genehmigungen für 178 traditionelle medizinische Heilmittel, drei Phytopharmaka und 149 lokale Gesundheitszusätze mit Eigenschaften zur Stärkung des Immunsystems erteilt wurden. Darüber hinaus unterstützt BPOM die Forschung an acht pflanzlichen Produkten zur Bekämpfung der Symptome von Covid-19. Die Jakarta Post prognostizierte auf dieser Grundlage bereits „eine strahlende, post-pandemische Zukunft für indonesische Jamu“. Und so überrascht es auch nicht, dass Sido Muncul, einer der großen indonesischen Jamu-Hersteller, bekannt gibt, dass sich „eine Chance inmitten der Covid-19 Pandemie“ ergibt und das Unternehmen demnach die Möglichkeit hat, in den saudi-arabischen Markt zu expandieren.

Jamu Covid-19

Der Richter ruft: “Die Erhöhung der Prämien zur Nationalen Krankenversicherung wird ANNULIERT” (Kenaikan Iuran BPJS DIBATALKAN). Die Frau antwortet: “Alhamdulillah … das Geld kann ich dazu verwenden, um Ingwer, Kurkuma, Zitronengras zu kaufen … um Corona zu verhindern!” (Alhamdulillah … uangnya bisa buat nambahin beli jahe, kunyit, sereh … buat nangkal Corona!) © Benny Rachmadi

Die Pandemie ist eine Wirtschaftsfrage

Gegenüber diesen wirtschaftlichen Chancen für die lokale Jamu-Industrie steht jedoch gleichzeitig die Tatsache, dass die Covid-19 Pandemie die ärmsten Bevölkerungsschichten besonders schwer trifft. Der UNESCO-Bericht über die Auswirkungen von Covid-19 in Indonesien hebt deutlich hervor, dass schutzbedürftige und marginalisierte Gruppen, zum Beispiel Arme, Frauen und Behinderte, in besonderem Maße unter den Herausforderungen der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen leiden.

Der Oberste Gerichtshof hat zwar die geplanten Erhöhungen der Prämien für das Nationale Krankenversicherungssystem (BPJS Kesehatan) aufgehoben. Gleichzeitig ist das indonesische Gesundheitssystem so mangelhaft aufgestellt, dass selbst indonesische Politiker*innen die Bevölkerung aufrufen, Geld für Jamu auszugeben, um mit der Covid-19 Krise fertig zu werden.

Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Pandemie und der sich abzeichnenden Praktiken der Gesundheitsversorgung wird wieder einmal klar: die Krise um Covid-19 in Indonesien, ebenso wie in anderen Teilen der Welt, ist letztendlich eine Frage des ökonomischen Hintergrunds, für jede und jeden Einzelnen, aber auch auf der internationalen Bühne. Dies wird durch die derzeitigen Kämpfe um die Verteilung der Covid-19-Impfstoffe ungeschminkt vor Augen geführt. In Indonesien sind bisher weniger als 2 Prozent der Bevölkerung mit der – für alle indonesischen Bürger*innen verpflichtenden – Covid-19 Impfung geimpft. Würde die Regierung diese Rate von derzeit ca. 60.000 täglichen Impfdosen beibehalten, dann wird Indonesien rein rechnerisch mehr als 10 Jahre benötigen, um die Bevölkerung zu impfen. Diese Schätzung berücksichtigt noch keine strukturellen und geografischen Herausforderungen, wie beispielsweise lückenlose Kühlketten für Impfstoffe oder auch den Umgang mit dem zunehmenden Impfwiderstand in der Bevölkerung. An dieser Stelle könnte auch wiederum die Einbindung der unterschiedlichsten medizinischen Akteure des pluralistischen Gesundheitssystems hilfreich sein, um der Goliath-Aufgabe Covid-19 mit gemeinsamer Anstrengung zu begegnen.

Dieser Artikel basiert auf einem im September 2020 bei Focaal Blog erschienenen Beitrag, der für die südostasien aktualisiert und ergänzt wurde.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus